Da hilft nur noch beten! Predigt zum 7.Oktober von Pfarrerin Andrea Nehring zu Mk 4,14-29

„Jetzt hilft nur noch beten.“

So sagt der Arzt, wenn alle menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Manchmal meint er: „Hoffentlich tut Gott ein Wunder.“ Aber oft ist es die nettere Formulierung von: „Vergiss es. Es ist vorbei. Es gibt keine Chance mehr.“

 

Beten ist in Deutschland nicht gerade hoch im Kurs. Erst kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Fremden, der leicht ironisch empfahl: Sie sind doch Pfarrerin. Dann beten sie halt. Vielleicht funktioniert´s ja dann. Und ich habe deutlich mitgehört: Wie kann man so blöd sein und beten. Das schmerzt.

 

Wenn einer in Deutschland viel richtig viel und ernsthaft betet, nennen ihn die Leute abfällig Betbruder oder Betschwester. Wer diese Worte sagt, ist sich sehr sicher, dass beten ganz bestimmt nichts nützt.

 

Das ist unsere Welt, in der wir stehen,  manchmal wütend, manchmal hilflos, manchmal ratlos. Sind wir die Einzigen, die an die Macht des Gebets glauben? Und glauben wir tatsächlich daran?

Ich finde es ganz schön schwer, in einer Welt, die Gott nicht mehr ernst nimmt, die nur Fakten und Daten kennt, zu verkünden, dass Beten nützt. Die Leute wollen überzeugt werden durch Effektivität, durch Messbarkeit, es muss alles einen sichtbaren Nutzen haben.

 

Da erzähle ich von einem Menschen, den Gott geheilt hat, und sofort kommt die Frage: Und warum hat er die anderen nicht geheilt?

Da danken wir für ein Wunder im Erdbebengebiet, und fragen dennoch gleich: Aber warum nur diese Leute, warum nicht all die anderen?

Wir wollen, dass Gott effektiv, messbar und berechenbar handelt. Am liebsten wäre es uns, wir könnten eine Statistik über Gebetserhörung abgeben, in der steht: 85 % aller Christen haben die Erfahrung gemacht, dass Gott heilt und Gebete erhört.

Dann wären wir selber auch mutiger, wenn Leute uns bitten: Bete für mich. Wir würden schnell die Hände auflegen, denn wir wüssten: Was wir bitten, passiert sofort. Ein Gebet, und zack, gesund. Das wäre doch was, oder?

 

Vielleicht ging der Streit der Jünger mit den Leuten und den Schriftgelehrten um ähnliche Fragen. Da kam dieser Vater mit dem Jungen, den ein Dämon im Griff hatte. Heute würden wir sagen: Er war krank, die Symptome klingen wie Epilepsie. Aber weil der Junge die Anfälle oft gerade dann bekam, wenn er neben der offenen Feuerstelle stand oder bei einem nicht abgedeckten Brunnen, schien es einem fast, als wolle ein Dämon ihn in den Tod reißen.  Wie verzweifelt müssen Eltern sein, wenn ihr geliebtes Kind immer wieder solche Anfälle bekommt, die sein Leben bedrohen! Wenn es nicht einfach mit den anderen Fußballspielen kann, weil die Gefahr zu groß ist, dass es sich plötzlich krümmt und wie tot zu Boden fällt.

 

Dieser Vater hat in seiner Verzweiflung beschlossen, Jesus um Heilung zu bitten. Aber der Chef ist nicht da, er ist noch auf dem Berg mit dreien der Jünger, wo Gott ihn „verklärt“, also seine Göttlichkeit sichtbar werden lässt. Ein Moment, der Jesus wie Heimaturlaub vorkommen musste.

Also nimmt der Vater sich mit den Jüngern vorlieb. Aber die kriegen das nicht hin mit dem Heilen. Den sprachlosen Geist, wie sie es nennen, rührt es wenig, was die Jünger da machen. Da haben sie ihren Glauben eingesetzt und mutig für das Kind gebetet, aber nichts ist passiert. Das ist so ziemlich genau der Grund, warum mancher von uns heute sich gar nicht mehr traut, um Heilung zu bitten, weil man Angst hat, dass es nicht funktioniert und man dann echt dumm dasteht mit seinem Glauben.

 

Als Jesus kommt, er, der gerade noch dem Himmel ganz nah war, rauscht er durch den Streit in die Realität hinab, deshalb wohl diese ungehaltenen Worte: Wie lange soll ich euch noch ertragen.

 

Er lässt den Jungen zu sich bringen und prompt bekommt der arme Junge einen neuen heftigen Anfall, wälzt sich am Boden, krampft, knirscht die Zähne aufeinander. Selbst Jesus ist jetzt berührt und fragt leise: Wie lange hat er das schon? 

 

Der Vater bittet ihn um Hilfe mit den frustriert wirkenden Worten: Wenn du etwas kannst, so hilf uns.

 

Wenn du etwas kannst. Das erinnert mich an den Spruch der Jugendlichen: Was kannst du eigentlich? Ziemlich frech formuliert. Aber Jesus nimmt die Worte einfach ernst: Du sagst: Wenn du kannst – alles ist möglich dem, der da glaubt.

 

Ein Satz, der berühmt geworden ist.

Nur:  Er klingt wie: Wenn du nur genug glaubst, dann ist alles möglich.

 

Und wer diesen Satz so versteht, verzweifelt, denn wie kann ich mich zum Glauben zwingen? Wie soll es gehen, dass ich die vielen Gebete ignoriere, die nichts bewirkt haben, die Zweifel gesät haben, ob Gott wirklich hilft, weil immer wieder doch nichts passiert ist? Wie soll ich das wegdrücken und so sehr glauben, dass ich Berge versetzen kann? Ist die Heilung davon abhängig, wieviel ich Glauben kann? Dann bin ich verloren.

 

Genau diese Verzweiflung spürt auch der Vater, wenn er jetzt schreit: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!  Er spricht uns aus der Seele.

 

An der Reaktion Jesu merken wir, dass er die Satz wohl gar nicht so fordernd gemeint hatte. Vielleicht wollte er sich selbst damit verteidigen vor dem Vorwurf: Wenn du etwas kannst, und wollte sagen: Mir ist alles möglich, weil ich in einer so engen Verbindung mit Gott stehe. Vielleicht hat er gar nicht über uns gesprochen, sondern über sich selbst.

 

Jedenfalls heilt er jetzt diesen Jungen, treibt den sprachlosen und stummen Geist aus ihm heraus, richtet ihn auf, dass er wieder aufstehen kann.

Jesus zeigt seine göttliche Kraft.

 

Die Jünger beschäftigt das noch. Sie fragen ihn abends. Warum konnten wir ihn nicht heilen? Die Antwort Jesu gibt zu denken: Diese Art kann nur durch das Gebet geheilt werden.

 

Das Gebet wird ins Spiel gebracht als letzte, stärkste Möglichkeit, zu handeln. Im Computerspiel gibt es das manchmal, dass plötzlich ein Balken erscheint: Diese Kraft kann nur durch den obersten Magier gebrochen werden. Und wenn man den noch nicht aktiviert hat, ist es aus.

 

Das Gebet bringt uns so nah in Verbindung mit der größten Macht auf der Welt, mit Gott, dass es als einziges Mittel genannt wird, das jetzt noch greift.

Das gleiche Gebet, über das die Welt uns oft auslacht.

Das gleiche Gebet, das uns manchmal schon fast peinlich ist, weil es nicht effektiv und messbar funktioniert, sondern noch Gottes Willen abwarten muss.

 

Gott ist kein Magier, den ich durch das Gebet auf den Bildschirm rufen kann, und der dann alle Angreifer abräumt. Ich kann nicht über ihn verfügen.

Aber wir haben sein Wort: Bittet, so wird euch gegeben.

 

Deshalb lasst euch nicht vom Unglauben der Leute durcheinander bringen. Ruft ihn an im Gebet. Nehmt es als Ehrentitel, wenn man euch Betschwester, Betbruder nennt. Denn so, nur so, seid ihr mächtig genug, Gottes Kraft ins Spiel zu bringen.

Betet ohne Unterlass, bleibt immer verbunden mit eurem Gott, und er wird durch euch handeln.  

 

 

 

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Pfarrer Hans-Dietrich Nehring
Pfarrerin Andrea Nehring