Predigt vom 29.4.18, Pfarrerin Andrea Nehring

Text: Apg 9

"Er warf sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block."

Ich habe es immer gehasst, wenn mein großer Bruder mich festgenagelt hat. Er war einfach stärker. Irgendwann während der Rauferei hat er es immer geschafft, mich auf den Rücken zu werfen, hat sich auf mich draufgesetzt, mit den Füßen meine Beine auf den Boden gedrückt und mit den Händen meine Schultern. Und ich konnte gar nichts mehr tun. Das war immer der Moment, wo ich „Mama, der Norbert…“ gerufen habe.

Saulus und Silas können keine rettende Mama rufen. Sie hocken im innersten Loch des Gefängnisses. Man hat sie mit einem Stock grün und blau geschlagen, das Blut gerinnt zu einer Kruste, die juckt. Unter ihnen kalter feuchter Lehmboden, über ihnen viel zu tief die Zimmerdecke. Kein Licht erhellt die Zelle. Vielleicht huschten ein paar Ratten herum oder Kakerlaken.

Sie können sich nicht bewegen. Die Füße stecken in einem Block, jede Bewegung löst Schmerz aus. Die Hände gefesselt an Ketten.

Kein Spaß.

Gott sei Dank ist diese Szenerie in Deutschland Vergangenheit. Aber was Paulus und Silas ganz real erleben, erleben manche von uns gefühlt auch:

Vor kurzem habe ich eine alte Dame bestattet. Die Tochter sagt traurig: Sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. Als meine Schwester starb, war sie wie unter Schockstarre. Sie konnte nicht mehr wirklich weiterleben.

Unter Schockstarre war auch die junge Frau, die plötzlich von ihrem Mann verlassen wurde wegen einer anderen. Sie fühlt sich wie gelähmt, rein mechanisch versorgt sie die Kinder und geht ihrer Arbeit nach. Aber innerlich ist sie erstarrt in ihrem Schock, bewegungsunfähig.

Manchmal sind es auch kleinere Anlässe, die uns lähmen: Eine Prüfung, in der es draufankommt, ob ich weiterkomme in der Schule, im Studium. Sie lähmt alles Leben, ich kann nur noch diese Prüfung sehen, ich lerne wie unter Zwang, aber eigentlich spüre ich nur Angst. Angst zu Versagen. Angst zurückzufallen auf dem Weg, den ich gehen will.

Die Gedanken kreisen. Wie habe ich mich da reinmanövriert? Hätte ich etwas ändern können? Ich empfinde auch Wut auf die Leute, die mir diese Situation zumuten – auf Gott, der die Mutter und die Schwester nimmt – auf den Mann, der einfach gegangen ist – auf die Prüfer, die so viel von mir verlangen.

Ich kann mir vorstellen, dass Paulus und Silas auch über das Geschehene reden: Sie sitzen ja nicht zufällig im Gefängnis. Da war diese Wahrsagerin gewesen. Sie war ihnen seit Tagen nachgelaufen, wenn sie durch Philippi zogen, um Menschen von Jesus zu erzählen. Hat immer geschrien: Diese Männer sagen euch den Weg zum Heil! Sie sind Gottes Leute!

Am Anfang klang das hilfreich. Immerhin hatten viele Leute großen Respekt vor dieser Frau, weiß sie wirklich mehr wusste als andere. Aber irgendwann war Paulus der Kragen geplatzt. Er hatte sich zu ihr umgedreht und gerufen: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst! Und der Wahrsagegeist hatte sie verlassen. Ruhe kehrte ein. Aber die Ruhe hatte nicht lang gehalten, da kamen die Herren dieser Frau, die sich um ihren Gewinn betrogen fühlten und ließen die beiden verprügeln und abführen.

Und jetzt sitzen sie in diesem dunklen Loch im Block.

Was würde uns durch den Kopf gehen?

Hättest du nicht…

Warum musste ich auch…

So schlimm wäre es doch gar nicht gewesen…

Kein Fünferl nachgedacht….

Aber dass die auch gleich so hart reagieren. Das war richtig gemein. Vollkommen überreagiert!

 

Und dann hockt man da im Block. Fluchtgefühle stellen sich ein. Ich will raus aus dieser furchtbaren Situation. Einfach weg. Ich will mich dem nicht stellen. Mancher denkt vielleicht gar über Selbstmord nach.

Was tun Paulus und Silas?

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott.

Wau.

Sie machen da seelenruhig ihre Gebetsstunde. Keine Tränen, keine Klagegesänge, kein Selbstmitleid. Gepriesen sei der Herr, seine Güte ist groß! Vielleicht haben sie auch das Lob gesungen.

Kann ich das auch? Können Sie das?

Überspielen die nur ihre traurige Situation mit frommen Liedern? Verdrängung pur? Wollen sich der Realität nur nicht stellen?

Nein, das glaube ich nicht.

Was geschieht, wenn ich in der Schockstarre anfange Gott zu loben und ihm Lieder zu singen?

Ich stelle mein Leben in einem anderen, größeren Zusammenhang. Ich betrachte es vom Sieg her, von dem Moment her, wo das alles überwunden ist, vorbei, von Gottes Reich aus.

Und dabei merke ich: Diese Zeit wird vorbeigehen. Das Leid wird ein Ende haben. Spätestens wenn wir mit Christus vereint sind im Himmelreich. Keine Tränen, kein Leid, kein Schmerz wird mehr sein.

Wir trösten uns über das Leiden hier weg mit der Aussicht auf ein Leben voller Freude, Licht und Liebe.

Atheisten werfen uns dann gern vor: Genau, ihr vertröstet euch aufs Himmelreich und deshalb seid ihr im Leben ruhiggestellt, wehrt euch nicht mehr.

Aber das stimmt ja nicht. Paulus wehrt sich sehr wohl. Kaum, dass er frei ist, nimmt er sofort das Heft in die Hand und führt den Gefängniswächter zum Glauben. Und am Morgen kommen die Diener der Stadträte mit der Botschaft: Ihr seid frei. ihr könnt die Stadt verlassen. Und jeder denkt: Geschafft. Bloß schnell weg hier von diesem dunklen Loch!

Nicht so Paulus. Der kontert sofort und sagt: So leicht könnt ihr nicht einen römischen Bürger erst ins Gefängnis werfen und dann wieder loswerden. Ich bleibe. Es sei denn, die Stadtrichter persönlich bitten mich freundlich, zu gehen.

Stolz bricht da durch, ja. Aber für mich leuchtet da auf, dass Paulus wirklich ohne Angst ist und war. Er fürchtet diese Situation nicht, im Block zu sitzen und auf Ratten zu lauschen. Er vertraut so sehr auf das Handeln Gottes, dass er gar kein Bedürfnis hat, in Sicherheit zu kommen. Sein Singen war echt, war kein Hilferuf, kein Verdrängen, keine verzweifelte Taktik.

Ob wir jemals so einen tiefen Glauben haben, werden wir erst erfahren, wenn wir selbst im Block stecken, geschockt sind vom Leben, gelähmt von der Zukunft.

Ich hoffe, dass wir dann noch beten können, Worte finden in unserer Not. Werfen wir heute schon unser Vertrauen auf Christus.

Ein junger Student fiel den anderen auf, weil er selbst vor schwierigen Prüfungen immer heiter und gelassen blieb. Wie machst du das bloß, fragten die anderen. Ich bin so nervös, die Prüfung macht mir Angst! Er lächelte und sagte: Ich habe alles gelernt, was ich konnte. Den Rest vertraue ich Gott an. Entweder er hilft mir und ich bestehe. Oder er hilft nicht, dann hat er wohl anderes mit mir vor. Er wird es gut machen mit meinem Leben.

 

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Pfarrer Hans-Dietrich Nehring
Pfarrerin Andrea Nehring