Tu´s einfach! Predigt zu Erntedank, gehalten von Pfarrerin Andrea Nehring in Destuben, Bayreuth

 

Jes 58,7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,

10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

 

Ich habe einen Traum vom Alter. Also von mir, wenn ich alt bin - so richtig alt. Ich möchte gern eine werden, die von Leuten gern angesprochen wird. Eine, der die Menschen vertrauen, ihr mal was erzählen, was man nicht jedem erzählt. Wer mit mir spricht, soll nicht nur Erinnerungen bekommen, sondern ein klares Wort, das ihm weiterhilft. Er soll sagen können: Gut, dass ich heute diese Frau getroffen habe. Ich wäre gern jemand, den die Leute schätzen, weil sie wissen: Auf ihr liegt ein Segen. So eine weise Frau wäre ich gern. Naja, den grauen Dutt können wir weglassen.

 

Träum weiter, denken wahrscheinlich manche, die schon alt sind. Die Realität sieht leider etwas anders aus. Wir werden alt und bekommen unsere Schrullen, und wenn wir froh sind, haben wir Menschen, die uns trotzdem lieben. Unsere weisen Worte ernten nur Augenrollen.

 

Das Wort des Jesaja spielt mit solchen Träumen, die kühner sind als unsere Ideen.

 

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

 

Ein Einzug vom Feinsten. Er erinnert mich an das letzte Handballspiel. Wir sitzen in der großen Nürnberger Arena. Das Licht geht aus. Die Musik dröhnt triumphierend. Und dann: Spot on. Nebel steigt auf. Ein Kind läuft herein, an der Hand der Spieler, das Mikrophon schreit seinen Namen aus, sie rennen unter Gejohle und Geklatsche auf das Spielfeld. Dahinter ziehen die Trainer, die die Spieler ausgesucht haben, die für sie einstehen. Jeder kann es sehen. Diese Spieler schicke ich ins Spiel. Es sind meine Besten. Ich vertraue ihnen. Und die Leute jubeln und klatschen.

 

Gott sagt: So könnte das mit dir und mir sein. Dein Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte. Deine Gerechtigkeit wird vor dir her gehen, jeder kann sie sehen. Und ich selbst stehe hinter dir, die Hand stolz auf deinen Schultern.

 

Allein bei der Vorstellung werden meine Backen ganz heiß vor Aufregung. Ich in dieser Mitte? Wie bitte, das wäre möglich?

 

Es ist ganz einfach, sagt Gott.

Tu, was ich von dir will. Tu´s einfach.

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Auf deutsch: Tu nicht so als ginge dich das nichts an.)

 

So leicht?

 

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

 

So leicht.

 

Wie viele richtig arme Leute haben Sie letztes Jahr in ihr Haus geführt? Keinen? Weil keiner da war? Oder weil Sie so was nicht machen? Man weiß ja nie, was der dann in meinem Haus macht. Womöglich greift der mich an? Oder klaut mir alles? Ich bin auch nicht so begeistert, wenn ich wildfremde Leute in mein Haus lassen soll.

 

Mit wem haben Sie in der letzten Zeit Ihr Brot gebrochen, weil er nichts hatte? Eigentlich gar nicht? Wenn ich an die Leute denke, die an meiner Haustür klingeln, dann haben die oft einen recht runden Bauch. Nein, wirklich hungrig sind sie wahrscheinlich nicht. Oder gab es doch Hungrige, aber wir haben sie geflissentlich übersehen, weil es uns unangenehm war?

 

Auf wen haben Sie mit dem Finger gezeigt und überlegen den Kopf geschüttelt? Übel über ihn geredet? Wie kann man bloß so leben. Unmöglich.

 

Wen nützen Sie gnadenlos aus, weil es so schön einfach und billig ist?

 

Mancher denkt jetzt: Muss mir die Pfarrerin jetzt ein schlechtes Gewissen machen? Die tut so, als wäre das ganz einfach. So einfach sind die Dinge dann im echten Leben doch nicht.

 

Ich weiß. Ich glaube nicht, dass es einen von uns gibt, der das alles getan hat, was Gott will. Ich auch nicht. Aber um Gott zu verstehen, sollten wir sein Wort nicht schon weichspülen, bevor wir es verstanden haben.

 

Gott sagt: Handle.

So würde es gehen. So würdest du ein Gefühl für meine Gegenwart bekommen. Du brauchst nur ein bisschen Mut dazu, denn es ist ungewöhnlich, beängstigend. Gott nennt diesen Mut Gottvertrauen.

 

Wir freuen uns heute über unsere Ernte. Manch einer hat sogar im Garten geerntet, zugeschaut, wie es gewachsen ist. Kürbisse, Äpfel, Succini. Wir haben gegossen, Unkraut rausgegraben, geerntet, eingemacht. Es war Arbeit, aber erfüllende Arbeit.

 

Wir sagen Gott Dank, dass wir satt werden. Danke Gott, es geht uns so unendlich gut!

Wir gehen in die Kirche, beten und singen für ihn. Ich freu mich, dass ihr alle da seid. Das ist für mich so eine kleine „Ernte“.

 

Aber warum suchen die von der Kirche an Erntedank so einen Text aus?

 

Weil Gott über das Volk Israel gefrustet war und wir daraus lernen sollen. Er ruft durch den Propheten:

Ach, für wie fromm sie sich doch halten! Sie rufen Tag für Tag nach mir und fragen nach meinem Willen. Sie kommen gern zum Tempel gelaufen, um meine Nähe zu suchen. Weil sie sich einbilden, nach meinen Geboten zu leben, darum fordern sie von mir auch ihre wohlverdienten Rechte.

 

Das heißt, Gott spricht hier zu Leuten, die jeden Tag beten, die nach seinem Willen fragen, die in den Gottesdienst gehen! Nicht zu denen, die sich einen Dreck um ihn scheren.

 

Wie jetzt?

 

Beten allein genügt nicht. Tu was.

 

Für Gott sind Leute, die nur beten, wie Spieler, die auf dem Spielfeld schlau diskutieren. Sie stehen vor dem Tor und werfen nicht! Er ist ganz fassungslos darüber.

 

Als meine Kinder Handball gespielt haben, da gab das mal eine Regel: Wer vor dem Tor steht und nicht wirft, der muss zur Strafe nach dem Spiel viele Liegestützen machen. Das haben die eingeführt, weil das oft geschah, dass die Kinder so aufgeregt waren, ob sie das Tor treffen, dass sie direkt davor standen und nicht hineingeworfen haben.

 

So geht es Gott mit uns, wenn wir nicht tun, was er sagt. Da schickt er uns einen Hungrigen und wir diskutieren herum, ob er wohl echt hungrig ist oder ob da eine Bande dahinter steckt… Hallo, ruft Gott, setzt den Ball rein! Brich mit ihm dein Brot! Hol ihn in dein Haus auf eine Suppe, einen Kaffee!

 

Tu´s einfach!

 

Das kostet Mut. Denn die Hungrigen von heute sind oft Menschen, die schon viel Schlimmes erlebt haben und hart geworden sind. Sie sehen nicht wirklich so aus, als sollte man ihnen vertrauen. In ihren Gesichtern spiegeln sich Enttäuschungen wider.

 

Vertrau mir, sagt Gott. Du betest so oft und willst mir vertrauen. Tu´s auch jetzt!

 

Du wirst merken, wie das dein Leben verändert. Du lebst mit Gott und die Menschen spüren das. Und Gott wird dich stolz in sein Spiel schicken und sagen: Das ist mein bester Spieler.

 

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

 

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Pfarrer Hans-Dietrich Nehring
Pfarrerin Andrea Nehring