Chefpositionen im Himmel?

Predigt von Pfarrerin Andrea Nehring zu Mt 20 am 9.Febr 2020

 

Wie geht es Ihnen, frag ich die 81 Jährige, fast blind, aber lebhaft und aktiv. Sie seufzt und sagt: Wissen Sie, Frau Pfarrer, eigentlich ganz gut. Aber wenn ich meine Freunde so anschaue, dann fühl ich mich doch eher klapprig. Die fahren mit 92 Jahren noch Auto und backen alle Kuchen zu den Feiern selber. Das geht bei mir nicht mehr.

 

Wie oft ist es der Vergleich, der uns anspornt oder auch frustriert. Was ist die Note 2 in der Schule wert, wenn alle anderen eine 1 haben? Wie reich fühle ich mich, wenn ich Arbeit, Wohnung und Auto habe, aber meine Freunde haben ein Haus und 2 Autos?

Wie sehr schmerzt es, wenn das eigene Kind mit 1 ½ Jahren noch nicht spricht und die Tochter der Freundin schon ans Telefon geht?

 

Die Gruppe Wise guys hat das sogar mal zum Thema einer ihrer Lieder gemacht:

"Ich bin relativ groß,
Verglichen mit 'nem Kieselstein.
Aber neben einem Felsen
Steh ich relativ klein.
Ich bin relativ klug
Im Vergleich zu Heide Klum.
Im Vergleich zu Steven Hawking
Bin ich relativ dumm."

 

Menschen ordnen sich immer ein mit anderen. Ohne diese Vergleiche wäre vieles anders. Früher war es normal, mit geflickten Hosen in die Schule zu gehen – und nein, es war keine Mode – aber heute kannst du eine Bluse, die einen Fleck hat, eigentlich nicht mehr weitertragen. Das Niveau an ordentlicher Kleidung ist einfach zu hoch. Also richtet man sich eben ein und passt sich an.

Auch im Thema Glauben gibt es diese Skala der Selbsteinschätzung. Ach, wenn ich nur so glauben könnte wie die! Oder: Der glaubt doch nix.

 

Test: Wo auf der Skala von 1-10 würden Sie sich einschätzen? Wie stark ist Ihr Glaube?

 

Das Thema hatten auch die Jünger immer wieder. Gerade hatten sie von Jesus gehört, dass Kindern das Himmelreich gehört. Kindern, ohne Einschränkung. Wie verblüffend.

 

Dann hat er über den reichen jungen Mann gesagt: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.

Kein Wunder, dass sich Petrus Gedanken macht. Er war Fischer, wahrscheinlich ein reicher Fischer mit einem eigenen Boot, hat seine Fische vielleicht bis nach Rom verkauft. Aber andererseits hatte er ja, anders als der Jüngling, wirklich alles verlassen.

Was wird uns dafür gegeben? fragt er Jesus nachdenklich.

 

Und andere Jünger fragen kurz später: Können wir im Himmelreich links und rechts neben dir sitzen?

Plätze werden reserviert. Wer kommt ganz nach vorne? Wer muss unten an der Tafel sitzen?

 

Und zu dieser Diskussion erzählt Jesus das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Wie der Weinbergbesitzer – und mit dem meint er meistens Gott – nach und nach Arbeiter einstellt, bis am Abend eine ganze Brigade auf dem Weinberg arbeitet. Dann kommt die Abrechnung. Die Letzten, die nur 1 Stunde gearbeitet haben, dürfen als erste zur Auszahlung treten. Schon das muss die anderen geärgert haben. Die hätten ja echt noch Zeit zu warten, sie sind gerade erst gekommen!

Und dann bekommen sie den Lohn, den die ersten ausgehandelt haben. 1 Silbergroschen. Sozusagen: 100 €. Wau. Soviel für 1 Stunde? Wieviel werden wir dann erst bekommen?

Aber Pustekuchen. Als die Ersten kommen, bekommen sie das gleiche. Eigentlich kein Problem, weil es ja ausgemacht war. Aber der Vergleich eben wieder. Wie ungerecht, wenn der, der 10 Stunden geschuftet hat, das gleiche bekommt wie der, der kurz vor Ende noch schnell 2 Schubkarren voll geerntet hat.

 

Die Antwort des Herrn ist beschämend, aber trotzdem löst sie das Problem nicht. „Ich will diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

 

Die Röte steigt einem ins Gesicht. Ja, stimmt schon. Aber trotzdem.

 

Einfach ist das nicht. Gerade ihr Flüchtlinge merkt das oft. Die einen kämpfen über Jahre um ein Bleiberecht und werden immer nur abgelehnt, dürfen nicht arbeiten, nicht reisen, nicht Deutsch lernen, und die anderen kommen an und bekommen nach 4 Wochen positiven Entscheid. Da steigt der Neid manchmal schon hoch. Ich war erst da! Warum die und nicht ich?

 

Im Gleichnis ist freilich eines entscheidend anders. Alle bekommen einen fairen Lohn, sie bekommen genug zum Leben. Es geht niemand leer aus.

 

Warum erzählt Jesus dieses Gleichnis, als sie anfangen, sich zu vergleichen, nach ihrem Lohn zu fragen?

 

Ich glaube, dass er dieses Spiel „Wer wird erster“ nicht mitspielen will. Es gibt keine Skala des Glaubens für Gott. Kein Gläubiger steht Gott näher als der andere. Der Papst kann sich ebenso wenig einen Platz reservieren wie eine „Lieschen Müller“ oder eine „Zara“, die einfach versucht, ihren Glauben in ihrem Alltag umzusetzen. Die Theologen werden nicht höher belohnt als die, die viel später dazu kommen, etwa als Flüchtlinge, und die noch gar nicht so genau wissen, was Jesus bedeutet. Vor Gott sind sie alle gleich.

 

Pass auf, sagt Jesus. Denke nicht, dass du mehr Lohn bekommst bei Gott. Am Ende dreht sich vielleicht alles noch mal rum. Die ersten werden womöglich die letzten sein und umgekehrt.

Die einzigen, die tatsächlich einen besonderen Platz bekommen, sind die Jünger, die von Anfang an dabei waren. Sie bekommen eine andere Antwort: „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet… auch sitzen auf 12 Thronen und richten die 12 Stämme Israels. Wer alles für mich verlässt, …der wird es hundertfach empfangen.“ Aber mit ihnen werden wir sowieso nicht konkurrieren können.

„Aber viele, die die ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.“

Manchmal zitiert einer, der im Leben verloren hat, diesen Spruch voller Bitterkeit: Wart nur, am Ende werden die Letzten die Ersten sein!

Aber all das ist nur die Folge dieser unguten Geschichte, dass sich die Leute vergleichen.

Deshalb: Lasst das vergleichen. Freut euch, dass euch ein Lohn gegeben wird. Und unterstützt alle, die im Weinberg arbeiten wollen. Amen.

 

Friedenskirche-Bayreuth

Friedenstr. 1

95447 Bayreuth

 

Pfarramt

Montag -Freitag

9.00-12.00 Uhr

0921-65229

Email: Pfarramt.Friedenskirche.bt@elkb.de

Seelsorgetelefon:

0921-512922

0176/82635601

Instagram: friedenskirche_bayreuth

Facebook: Friedenskirche Bayreuth

 

Spendenkonto:

IBAN: DE71 7735 0110 0009 0191 18
Sparkasse Bayreuth    
BIC: BYLADEM1SBT

 

Direktspende für die Flüchtlingsarbeit:

https://www.kd-onlinespende.de/projekt/taufkurs-fuer-iranische-fluechtlinge/display/link.html

 

Pfarrerin Andrea Nehring