Was ist gelungenes Leben?

Predigt zu Röm 13,

gehalten von Pfarrerin Andrea Nehring am 1.Dez 19

 

Eine Frau um die 50 erzählte mir von dem Tag, der in ihrem Leben alles geändert hat. Sie saß abends beim Gebet. An diesem Tag hatte sie eine Diagnose bekommen, die den Tod in denkbare Nähe gerückt hat. Es kann sein, dass du nicht mehr lange zu leben hast. Unter Tränen brachte sie ihre Not vor Gott. Und ein Gedanke dabei kam immer deutlicher zum Vorschein. Aber ich habe doch noch gar nicht gelebt!

 

50 Jahre. Aber ich habe doch noch gar nicht gelebt. Damit meint sie: Mein Leben war noch nicht vollständig, da fehlt etwas Entscheidendes.

Jetzt sagen Sie vielleicht: So was merkt man doch. Aber nein, so was merkt man oft nicht. Wir sind so mit unserem alltäglichen Leben beschäftigt, mit all dem, was wir wichtig finden, dass wir manchmal das Leben verpassen.

 

Eine Sportlerin aus der Schweiz erzählt das ähnlich. Sie war im Nationalkader für Leichtathletik, angemeldet für 1500 und 5000 Meter Läufe. Diese Läufe waren ihr Leben. Schon mit ihrem Vater war sie gelaufen, am Anfang aus Spaß an der Freud und dann doch immer mehr fasziniert von der Leistung. Sie sagt: „Ich stellte mein Leben auf das Laufen ein. Morgens um halb sechs schellte mein Wecker, dann ging ich laufen, dann zu Uni. Am Abend wurde noch mal trainiert, später folgten Physio, Massage, Sauna. Wenn ich meine Zeiten toppen konnte, stieg mein Selbstwertgefühl.“ Der Tag war getaktet, und das fand ich gut so.

Aber irgendwann hat es mich gestört, dass mein ganzer Tag aus Sport bestand, und ich da auch nicht herauskam, weil ich ja Leistung bringen musste. Dieser Gedanke war ärgerlich. Ich habe ihn ignoriert und weitergemacht. Ich entfremdete mich immer mehr von mir selbst. Und dann gab es diesen Tag im Trainingslager, da kollabierte mein gesamtes System. Ich war von einem Tag auf den anderen wie ausgeschaltet, konnte am Morgen kaum mehr aufstehen. Lag schließlich über Monate fast nur noch im Bett. Burnout. Als das Laufen aufhörte, stand ich vor dem Nichts.

Ich habe doch noch gar nicht gelebt.

 

Was ist das eigentlich: gelebtes, gelungenes Leben?

 

Viele planen sich ein gelungenes Leben und denken: Ein Leben ist gelungen, wenn ich meine Pläne umsetzen kann. Wenn ich meinen Abschluss in der Schule oder der Ausbildung bestehe, eine schöne Arbeit finde, in der ich erfolgreich bin. Für viele gehört ein Partner und Kinder dazu, ein Haus im Grünen. Wenn das alles passt, dann ist mein Leben gelungen.

Ist das ein erfülltes Leben?

Das Problem ist: Was, wenn ich etwas davon nicht umsetzen kann? Wenn ich schon in der Schule durch die Prüfung falle? Wenn ich die Frau meines Lebens nicht finde? Wenn wir keine Kinder bekommen können?

Dann bin ich frustriert. Was bin ich für ein Looser, denken Sie ärgerlich. Noch nicht mal die Eckdaten meines Lebens krieg ich hin.

Und mancher hält eisern an seinem Masterplan fest, treibt sich an zu mehr Leistung, meckert an sich herum, weil der Körper die Leistung verweigert, wird innerlich ganz leer.

Das ist ungelebtes Leben. Es ist wahnsinnig anstrengend so zu leben. Der Volksmund hat dafür ein Sprichwort: Der Mensch macht Pläne und Gott lacht.

 

Was ist dann: gelungenes Leben?

 

Erfüllt sich ein Leben darin, dass es seine Bestimmung findet, einer also einen Sinn findet, den er leidenschaftlich verfolgt? So wie bei Greta Thunberg, die junge Frau, die schon jetzt weltweit bekannt ist dafür, dass sie für das Klima kämpft. Ist das der Weg zum gelungenen Leben? Aber hatte nicht auch die Sportlerin eine solche Leidenschaft? Bei ihr ist es schief gegangen.

 

Der Apostel Paulus legt uns einen ganz anderen Masterplan ans Herz:

Zieh an den Herrn Jesus Christus und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Wir haben vorhin gesungen: Komm o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein. Dein Freundlichkeit auch uns erschein.

 

Zieh an den Herrn Jesus Christus.

Das heißt: Öffne deines Herzens Tür für ihn. Er kommt mit Gnade – nicht mit einem riesigen Leistungsanspruch. Er kommt mit Freundlichkeit – er würde niemals an dir herumnörgeln. Er liebt dich. Ganz. Wenn er in deinem Herzen wohnen darf, wird er dich verändern. Du wirst gelungenes Leben finden.

 

Liebe deinen Nächsten

Gibt es jemanden, der Ihnen Freude macht, der Ihr Herz erfüllt? Gibt es Menschen, mit denen Sie fröhlich sein können? Oder geht es immer nur um Sie selbst und um Ihre Leistung?

 

Und: Liebe dich selbst.

Kannst du dich so akzeptieren, wie du bist, oder nörgelst du dauernd an dir herum? Wie sollte ein Leben gelungen sein, an dem selbst du nur herummeckerst? Sei gnädig mit dir. Du musst nicht alle Prüfungen bestehen.

 

Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung, schreibt Paulus. Wenn du liebst, brauchst du nichts anderes mehr. Aber die Liebe findest du in keinem Trainingsplan. Du findest sie in deinem Herzen. 

Deshalb gehört zum Masterplan des Paulus:  Achte auf deine Gefühle, auf dein Herz. Wenn dein Leben so nicht passt, fühlst du dich unwohl, bist schlecht drauf. Dann mach nicht einfach weiter, sondern bete zu Gott und überlege mit ihm gemeinsam: Was ist falsch? Und kann ich da was ändern?

Die Sportlerin hat heute ihren Weg gefunden. Sie erzählt von zwei besonderen Momenten in ihrer Krankheit:

Der erste: Als ich nur noch Kraft hatte, im Bett zu liegen und es kaum in meinem Körper aushielt, spürte ich, dass etwas in mir aufbrach: eine tiefe Wärme, Liebe, etwas das mich zu sich zog. Ich wusste zunächst nicht, was das war, Dann erkannte ich. Es ist Gott, der hier wirkt. Er ist da.

Zieh an den Herrn Jesus Christus.

Und der zweite Moment war, als sie in einer Zeitschrift von einem Sozial Projekt las. Sie hat sich sofort dort beworben, wurde genommen und kann sich jetzt dort um Menschen kümmern, die es dringend nötig haben. Sie schreibt: Seitdem ich dort arbeite, habe ich wieder zu laufen angefangen. Aber nicht mehr auf Wettkampf. Laufen ist für mich Meditation geworden, ich komme zum Nachdenken, ich bin mit Gott im Einklang.

Genauso passiert erfülltes Leben. Gott zieht ein in mein Herz, mit seiner Gnade, seiner Freundlichkeit.

Ich beginne zu verstehen: Mein Leben ist nicht erfüllt, weil ich es so prima meistere, sondern es ist erfüllt, weil er in meinem Herzen Platz macht.   

Das macht mich glücklich.

Und ich fange an, den Nächsten zu lieben. Ich kümmere mich um andere Leute. Nicht um in meinem Gottesbonusheft viele Punkte zu bekommen. Sondern weil ich das Bedürfnis habe, dass auch andere froh sein sollen.

Die Nächstenliebe aber verändert mich. Ich lache mit anderen, ich fange an, mit ihnen Blödsinn zu machen. Ich höre auf, mein Leben nach meinen Plänen durchzutakten. Und plötzlich weiß ich: Mein Leben ist erfüllt. Ich lebe im Einklang mit Gott und meinen Gefühlen.

Er kommt und gibt meinem Leben Sinn.

Das heißt Advent. Amen.

 

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Pfarrerin Andrea Nehring