Predigt zu Lk 6,36-42, gehalten im Internationalen Gottesdienst am 13.7.19
 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

 

Mein Leben ist ein einziges Trainingslager für dieses Bibelwort geworden. Seit 3 Jahren leben wir mit euch, den Geflüchteten, Iranern, Irakern, Kurden. Und auch ihr lebt mit uns, den Deutschen.

Meistens macht das Spaß: Wenn wir einander einladen zu Grillabenden und zu Ghorma sabsi. Wir essen zusammen, lachen, machen Musik, beten zusammen und teilen einige unserer Probleme.

 

Aber manchmal ist es auch echt anstrengend, für euch wie für uns.

 

Da sagen wir Worte, die den anderen verletzen und verstehen gar nicht, warum er jetzt verletzt ist. Aber der andere versteht diese Worte anders.  Er ist aus einer anderen Kultur, kann gar nicht begreifen, wie jemand so denken kann.

 

Eine Flüchtlingsmama hat einmal erzählt: Ich habe für Freitag eine deutsche Freundin eingeladen. Am Montag vorher habe ich zu kochen begonnen. Es gab wunderbare, liebevoll und lange zubereitete Speisen. Sie hat mich sehr gelobt.

Eine Woche später hat sie mich eingeladen. Ich war ganz gespannt, was es zu essen geben würde. Es gab: Nudeln und Pesto. Zeitaufwand: 10 Minuten. Liebt sie mich nicht?

 

Wir sind aus verschiedenen Kulturen. Was der eine normal findet, beleidigt den anderen. Manches können wir klären, in dem wir miteinander sprechen. Manches bleibt unklar und man fragt ratlos: Warum sagen sie sowas? Warum tun sie das?  

 

Richtet nicht, sagt Jesus. Verdammt nicht. Vergebt einander.

 

Das braucht Geduld. Das trainieren wir miteinander. Unser Ziel ist (Lk 6,39): Wir wollen so barmherzig werden, wie unser Vater im Himmel barmherzig ist.

 

Mir hilft ein Gedanke dabei: Ich kann von einem anderen Menschen, ob Deutscher oder Ausländer, nur einen kleinen Teil wahrnehmen kann. Ich sehe nur das, was für meine Augen sichtbar ist oder was er mir erzählt über sein Leben. Der Rest fehlt. Ich weiß nicht alles.

 

So vergessen wir Deutsche oft, dass ihr Geflüchteten oft nachts hochschreckt in Alpträumen, dass ihr manchmal wie gelähmt seid, wenn wieder ein Brief vom BAMF kommt, wenn das Ausländeramt euch nicht arbeiten lässt. Zuhause hattet ihr Berufe mit Verantwortung und Ehre, ihr hattet eine große Familie, man hat euch große Achtung entgegengebracht hat, und hier - seid ihr plötzlich nur ein „Flüchtling“.

 

Und auch ihr Geflüchteten seht nicht, mit welchen Problemen eure deutschen Freunde kämpfen. Sie haben Arbeit und Wohnung und Familie, es scheint, als könne man sich nicht mehr wünschen. Aber auch die Deutschen sind manchmal nachts wach, weil Sorgen sie drücken. Und oft sagen sie das nicht laut, weil sie niemanden damit belasten wollen.

 

Wir nehmen nur einen Teil des anderen wirklich wahr. Ein Teil bleibt verborgen.

 

Viele wünschen sich aber von Herzen, dass jemand sie ganz wahrnimmt, ihre Not erkennt, ihre Tränen teilt, die Welt auch so deutet wie sie. Aber da überfordern wir unsere Mitmenschen, schon gleich gar die aus der anderen Kultur. Das kann ein anderer nicht, schon gar nicht in kurzer Zeit.

 

Gott kann es. Er kennt uns ganz. Er weiß, wann wir weinen, wann wir die Zähne zusammenbeißen, was uns fröhlich macht, aber auch, was wir immer wieder falsch machen, wo wir richtig gemeine Gedanken haben.

 

Und das erstaunliche ist: Er liebt uns. Obwohl er das alles weiß. Wie sehr er uns liebt, sagt Jesus in dem Bibelwort:

 

Lk 6,38: Ein volles gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird er in euren Schoß geben.

 

Ich backe gern Kuchen. Und ich habe einen Messbecher, der ein bisschen zu klein ist. Wenn ich den Becher vollmache, sollten da 300 g Mehl reinpassen, aber die Waage zeigt nur 250 g. Dann nehme ich den Messbecher mit dem Mehl und klopfe ihn ein paar Mal auf den Tisch, Ich rüttle ihn. Das Mehl sammelt sich und rutscht zusammen. Dann nehme ich die Hand und drücke das Mehl ein wenig nach unten. Jetzt ist noch mehr Platz. Und jetzt schütte ich so viel Mehl oben drauf, bis die Waage die richtige Zahl zeigt. Oft läuft noch was über. 

 

So macht das Gott. Er verurteilt uns nicht, sondern überschüttet uns mit Liebe. Ein einfach gefüllter Becher voll Liebe reicht ihm nicht. Er rüttelt ihn, drückt ihn, schüttet einen Haufen oben drauf, bis er überläuft: so viel Liebe will er jedem von uns geben.

 

So viel Liebe möchte er, dass auch wir dem anderen geben.

 

Wenn wir das tun, werden wir zu seinem Ebenbild. Wir werden vollkommen sein wie unser Vater im Himmel vollkommen ist. Vollkommen an Barmherzigkeit und in der Liebe.

 

Deshalb lasst es uns trainieren:

Urteilt nicht über den anderen, stöhnt lieber ein wenig, lacht über den anderen, aber vergebt ihm, was ihr nicht versteht. So werdet ihr barmherzig sein, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Amen.

 

 

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Pfarrerin Andrea Nehring