Frust und Gnade

Predigt Andrea Nehring über Joh 5, Juni 2018

Dieser Mensch – war es ein Mann oder eine Frau? – macht mich betroffen.

38 Jahre liegt er da in diesen Hallen. Neben ihm Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Leute ohne Perspektive. Leute mit vielen ungeweinten Tränen.

Ich hab mal eine Frau besucht, die gerade ihre Chemo machte. Sie sagte damals: Was mich wirklich belastet sind die Leute, die ich dort treffe. Junge Frauen und Männer, oft schon mit Familie, die schwer erkrankt sind. Das will mir nicht aus dem Kopf, wenn ich mich dann daheim ins Bett lege.

Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Oder mir kommt die Flüchtlingsinsel Lesbos in den Sinn. Flüchtlingscamps im Libanon, Hungerlager in Eriträa. Wo Menschen seit Jahren ohne Essen, ohne Arbeit, ohne Wohnung warten auf ein besseres Leben.

38 Jahre lebt dieser Mensch neben anderen, deren Leid ihn zusätzlich bedrückt.

Er hält durch. Er wartet. Er hofft.

Gibt es etwas, was es wert wäre, dass Sie 38 Jahre darauf warten?

 

Ein Mann erzählte mir, dass er wegen einem Streit mit seinem Sohn den Enkel nicht mehr sehen durfte. Tagtäglich hat er gebetet. Viele, viele Jahre. Und plötzlich stand sein Enkel in der Tür. Tränen treten dem alten Mann in die Augen.

Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

Jesus sieht ihn. Der Mensch ruft Jesus nicht, ja er kennt ihn nicht einmal. Aber Jesus sieht ihn. Er erkundigt sich nach ihm. Jesus ist betroffen von seinem Schicksal. Jesus liebt die Menschen. Es lässt ihn nicht kalt, wenn sie leiden.

Er spricht ihn an. Willst du gesund werden?

Der kranke Mensch sagt nicht ja und nicht nein. Seine Antwort zeigt, wie hoffnungslos er lebt:

Ich habe niemanden, der mich zum Teich trägt, wenn er Wellen schlägt.

Die Einsamkeit dieses Menschen schlägt einem entgegen. Ich habe niemanden.

Und wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Eine Erfahrung, die viele von uns kennen.

Meine Nichte hatte sich mal beworben auf Hotelfachfrau. Sie wurde abgelehnt. Die Begründung lautete: Eigentlich hätten wir Sie nehmen wollen, aber Sie haben ja überall eine Chance. Deshalb haben wir jemanden anderen genommen.

Und wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Ein Mann erzählt von der Liebe seines Lebens. Warum hast du sie nicht geheiratet? Frage ich. Sie war schon vergeben, als ich sie kennenlernte und wollte ihrem Mann treu bleiben.

Und wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Eine Frau wartet Jahr für Jahr auf eine Spenderniere. Sie könnte ihr Leben retten. Wird sie rechtzeitig kommen? Oder wird sie ein anderer ergattern?

Der Traumjob, die Frau fürs Leben, die Spenderniere –

Wo mussten Sie in Ihrem Leben hintenanstehen, weil ein anderer schneller war?

 

Jesus ist betroffen. Aber er beklagt nicht dieses Schicksal, sondern handelt:

Steh auf, nimm ein Bett und geh.

Und der Kranke steht auf und geht.

Eigentlich ganz großes Kino, aber die Geschichte verzichtet völlig auf irgendwelche Gefühle. Ja, er fragt Jesus noch nicht mal, wer er ist. Es ist ihm egal. Er ist gesund. Nach 38 Jahren. Als sie sich später wieder begegnen, spricht Jesus ihn doch noch einmal an: Siehe, du bist gesund geworden. Sündige hinfort nicht mehr. Man könnte es auch so ausdrücken: Siehe, ich habe dich ein zweites Mal lebendig gemacht. Bleib an Gott dran und nütze deine Chance.

Später wird Jesus als Begründung für diese Heilung sagen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag und ich wirke auch.

Und er vergleicht sich und Gott mit einem Vater und seinem Sohn, und diesen Vergleich will ich mal kurz genauer anschauen:

Ein Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht. So ist es, zumindest in der Kinderphase. Die Kinder schauen auf das, was die Eltern machen und machen es nach. Jesus macht nach, was Gott der Vater ihm vorgemacht hat.

Ein Vater hat seinen Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut. Es ist also kein Zufall, wenn der Sohn die gleiche Kunstfertigkeit oder auch Denkart bekommt, die der Vater hat. Er wird ja von Kind auf angelernt. Jesus wird von Gottvater angelernt, damit er das gleiche kann.

Wie der Vater sein Handwerk beherrscht, so wird auch der Sohn das Handwerk betreiben, sobald er Lust hat. Bei Jesus klingt das dann etwas dramatischer: Denn wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.

Und schließlich übergibt der Vater die Verantwortung für seine Firma dem Sohn: Der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.

Zusammengefasst. Jesus tut nur das, was Gott ihm gelernt hat. Er schafft neues Leben. Weil auch Gott Leben schaffen will.

Passiert das auch heute? Oder erklärt das nur den Jesus von damals? Es geschieht heute.

Vor zwei Wochen stand ein junger Mann vor mir, völlig verzweifelt über seine Flüchtlingssituation. Ich war ratlos und ohnmächtig. Wie gern hätte ich jetzt eine schlaue Antwort gehabt! Ich hatte keine Ahnung, was er tun könnte. Er sagte: Du sollst mir keinen Rat geben. Ich komme, weil ich geträumt habe, dass ich zu meiner Pfarrerin gehen soll. Die ist aber im Urlaub. Da bin ich zu dir.

Das einzige, was mir einfiel, war, ihn zu segnen. Ich habe also Josef gebeten mitzukommen. Wir haben ihn hier vor den Altar gestellt und ihm die Hände aufgelegt und für ihn gebetet. Und ich kann es nicht beschreiben, aber er erzitterte unter meinen Händen und ich wusste – ich wusste es – Gott ist da. Der Geist zieht in sein Herz. Es war unglaublich. Es hat uns beide tief berührt und miteinander verbunden.

Es hat mir gezeigt, wie sehr Jesus Leben schaffen kann, selbst dann, wenn wir vernünftigerweise keine Lösung kennen.

Jesus handelt wie Gott. Gott handelt wie Jesus.

Er sieht dich. Mitten unter den anderen, die leiden.

Er spricht dich an und fragt, was du brauchst.

Er macht dich lebendig und gibt dir ein neues Leben.

Und er gibt dir nur einen Tipp mit: Sündige hinfort nicht mehr. Bleib an Gott dran.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pfarrerin Andrea Nehring